Studien zeigen: Viele Patienten mit fortgeschrittenem Krebs missverstehen ihre Behandlungsabsicht
Die meisten Patienten mit fortgeschrittenem Krebs verstehen falsch, ob ihre Behandlung kurativ ist. Ehrliche Prognosegespräche verbessern die Ergebnisse, ohne die Belastung zu erhöhen, während Diagnoseverzögerungen fortbestehen; die Einbindung von Pathologen kann die Behandlung beschleunigen.
Vielen Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Krebs ist nicht bewusst, dass ihre Behandlung nicht kurativ ist. Eine 2012 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie ergab, dass 69 Prozent der Patientinnen und Patienten mit metastasiertem Lungen- oder Darmkrebs – Krebsarten, bei denen eine Chemotherapie nicht kurativ ist – bzw. 81 Prozent nicht verstanden, dass ihre Behandlung sie nicht heilen würde. Eine neuere Studie mit 986 Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Krebs zeigte, dass 74 Prozent die Absicht ihrer Behandlung weiterhin falsch einschätzten.
Der Mechanismus hinter diesem Missverständnis wurde als Kollusion beschrieben, bei der Patient und Arzt von der Prognose zum Behandlungsplan übergehen, ohne die harte Wahrheit anzuerkennen. Patientinnen und Patienten, die die Kommunikation ihres Arztes als exzellent bewerteten, hielten mit höherer Wahrscheinlichkeit an falschen Vorstellungen über eine Heilung fest als jene, die sie weniger gut bewerteten.
Ärztinnen und Ärzte selbst berichten, dass ihnen diese Gespräche schwerfallen. 60 Prozent geben an, dass das Schätzen der Überlebenszeit belastend und schwierig ist, und nur 14 Prozent der Onkologinnen und Onkologen sagen, dass sie mit einer neu diagnostizierten Patientin oder einem neu diagnostizierten Patienten mit Metastasen ‚jetzt‘ über ein Hospiz sprechen würden.
Doch ehrliche Gespräche schaden den Patientinnen und Patienten psychologisch nicht. Forschungsergebnisse zeigen, dass Patientinnen und Patienten, deren Ärztinnen und Ärzte die Prognose ehrlich besprachen, im Hinblick auf Depressionen, Angstzustände und Suizidgedanken nicht schlechter abschnitten, dafür aber praktisch besser: Sie hatten häufiger eine vorausschauende Behandlungsplanung, verbrachten mehr Zeit zu Hause und wurden früher ins Hospiz überwiesen. Unter 179 stellvertretenden Entscheidungsträgern auf der Intensivstation hielten 93 Prozent es für inakzeptabel, das Gespräch über die Prognose zu vermeiden, um Hoffnung zu bewahren.
Auch die Sprache in der Krebsversorgung beeinflusst Entscheidungen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Verzicht auf Behandlungen zugunsten unterstützender Pflege manchmal zu einem längeren Leben mit besserer berichteter Lebensqualität führen kann. Die ‚Zeittoxizität‘ einer aggressiven Therapie – häufige Krankenhausbesuche, Kliniktermine und bildgebende Untersuchungen – kann für die Lebensqualität eines Patienten ebenso schädlich sein wie die Therapie selbst.
Diagnoseverzögerungen sind eine weitere Hürde. In einem Fall in Taiwan musste eine Frau mit einem tastbaren Knoten in der Brust fast 20 Tage auf eine diagnostische Mammographie warten. Nachdem sie sich an ein kommunales Krankenhaus in Taipeh gewandt hatte, führte die klinische Beurteilung direkt zu weiterer Abklärung und rechtzeitiger Behandlung. Die Verzögerung wurde auf eine fragmentierte Versorgung in großen Krankenhäusern der Tertiärversorgung zurückgeführt, wo jeder Schritt Genehmigung, Terminplanung und Risikoabwägung erfordert. Kleinere kommunale Krankenhäuser mit kürzeren Entscheidungswegen und größerer ärztlicher Autonomie können schneller handeln.
In der Lungenkrebstherapie spielen Pathologen eine zentrale Rolle bei der Verkürzung solcher Verzögerungen. Eine frühzeitige Einbindung von Pathologen ermöglicht eine schnelle Biomarker-Testung und trägt dazu bei, Verzögerungen beim Beginn der Erstlinientherapie zu reduzieren. Kleine oder zytologiebasierte Proben erfordern eine strategische Auswahl der Testmethoden, um aussagekräftige Ergebnisse zu maximieren. Die Koordination zwischen Pathologie, Onkologie und Molekulardiagnostik verbessert die Ergebnisse, auch wenn uneinheitliche Arbeitsabläufe weiterhin eine Hürde darstellen.