Im Labor gezüchtetes Rückenmarkmodell bildet Verletzungen nach und testet Therapie mit „tanzenden Molekülen“

Wissenschaftler:innen der Northwestern University haben menschliche Rückenmarksorganoide entwickelt, die zentrale Verletzungsreaktionen wie Zelltod, Entzündung und gliale Vernarbung realitätsnah nachbilden. In Tests reduzierte eine Therapie mit „dancing molecules“ die Narbenbildung deutlich und förderte das Nachwachsen von Neuriten, was regenerative Ansätze beschleunigen könnte.

Wissenschaftler:innen der Northwestern University haben ein innovatives, im Labor gezüchtetes Modell auf Basis menschlicher Rückenmarksorganoide entwickelt, das Verletzungsreaktionen präzise nachbildet und regenerative Therapien beschleunigen könnte. Erstmals replizierte das Modell erfolgreich Zelltod, Entzündung und gliale Vernarbung – eine dichte Barriere, die das Nachwachsen von Nerven verhindert.

Organoide sind Miniaturversionen von Organen, die aus Stammzellen gezüchtet werden und Struktur sowie Funktion von echtem Gewebe nachahmen. An verletzten menschlichen Rückenmarksorganoiden testeten die Forschenden „dancing molecules“, eine Therapie, die in Tiermodellen zuvor gezeigt hatte, Lähmungen umkehren und Gewebe reparieren zu können. Behandelte Organoide wiesen ein deutliches Neuritenauswachsen auf – die langen Fortsätze, die Nervenzellen miteinander verbinden – und das narbenähnliche Gewebe nahm ab.

Die 2021 eingeführte Therapie nutzt molekulare Bewegung, um traumatische Rückenmarksverletzungen zu reparieren. Als Flüssigkeit injiziert, geliert sie zu einem Netzwerk aus Nanofasern, das die extrazelluläre Matrix imitiert – das natürliche Gerüst um Rückenmarkszellen. Durch die Feinabstimmung der kollektiven Bewegung der Moleküle verbessert sich deren Bindung an Zellrezeptoren. Bei Mäusen half eine einzelne Injektion, die 24 Stunden nach einer schweren Verletzung verabreicht wurde, den Tieren innerhalb von vier Wochen wieder zu laufen.

Samuel I. Stupp, leitender Autor der Studie und Erfinder der Therapie, erklärte, einer der spannendsten Aspekte von Organoiden sei, dass man mit ihnen neue Therapien an menschlichem Gewebe testen könne. Abgesehen von einer klinischen Studie (clinical trial) sei dies die einzige Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen. Nach Anwendung der Therapie verblasste die Glianarbe deutlich, bis sie kaum noch nachweisbar war, während Neuriten auswuchsen – ähnlich der in Tiermodellen beobachteten Axonregeneration. Das sei eine Bestätigung dafür, dass die Therapie gute Chancen habe, beim Menschen zu wirken.

Um eine Rückenmarksverletzung zu modellieren, erzeugte das Team zwei häufige Verletzungstypen: eine Schnittverletzung mit einem Skalpell und eine kompressive Kontusion, ähnlich den Schäden nach einem schweren Unfall oder Sturz. Beide führten zu Zelltod und zur Bildung einer Glianarbe, wie man es auch bei realen Verletzungen beobachtet. Zudem fügten die Forschenden Mikroglia hinzu – Immunzellen des Gehirns –, um Entzündungsreaktionen zu simulieren. Die Forschenden waren die Ersten, die Mikroglia in ein menschliches Rückenmarksorganoid einbrachten. Dadurch enthält das Organoid alle chemischen Botenstoffe, die das ortsständige Immunsystem als Antwort auf eine Verletzung produziert, was es zu einem realistischeren und präziseren Modell der Rückenmarksverletzung macht.

Auf verletzte Organoide angewendet, gelierte die flüssige Therapie zu einem Gerüst, beruhigte die Entzündung, verringerte die Vernarbung, verlängerte Neuriten und förderte ein geordnetes Nervenwachstum. Bei Rückenmarksverletzungen werden Axone – eine Form von Neuriten – häufig durchtrennt, wodurch die Nervenkommunikation gestört wird und Lähmungen entstehen; die Regeneration dieser Fortsätze könnte helfen, Funktionen wiederherzustellen.

Vor der Entwicklung des Verletzungsmodells testete das Team die Therapie an einem gesunden Organoid. Die „dancing molecules“ ließen lange Neuriten an der Oberfläche des Organoids auswachsen; wurden jedoch Moleküle mit geringerer oder keiner Bewegung eingesetzt, war nichts zu beobachten. Dieser Unterschied war sehr deutlich. Die bemerkenswerte Wirksamkeit dieses Therapieansatzes wird der supramolekularen Bewegung der Moleküle zugeschrieben, die häufige Interaktionen mit zellulären Rezeptoren ermöglicht.

Die Therapie hat von der U.S. Food and Drug Administration die Orphan Drug Designation erhalten. Als Nächstes plant das Team fortgeschrittenere Organoide, darunter Modelle chronischer Verletzungen mit widerstandsfähigerem Narbengewebe, und schließlich personalisierte Implantate, die aus den eigenen Stammzellen von Patient:innen gezüchtet werden, um eine Immunabstoßung zu vermeiden.

Diese in Nature Biomedical Engineering veröffentlichte Arbeit unterstreicht nicht nur das Potenzial für therapeutische Fortschritte, sondern auch die transformative Rolle von Organoiden dabei, ein tieferes Verständnis der menschlichen Physiologie und Pathologie zu fördern. Organoide ermöglichen es Forschenden, Untersuchungen zu beschleunigen und Kosten im Vergleich sowohl zu Tierversuchen als auch zu klinischen Studien am Menschen zu senken.

Related Entities

Related Articles

References

  1. Closing the gap: addressing inequalities in spinal cord injury rehabilitation in the UK · www.openaccessgovernment.org
  2. Northwestern Scientists Develop Advanced Lab-Grown Model for Spinal Cord Injury Research · news.ssbcrack.com
  3. Spinal cord research could accelerate regenerative therapies - NR Times · nrtimes.co.uk